Das aktuelle Jahr 2026 ist ein entscheidender Moment: die weltweite Nachfrage nach tierischem Eiweiss steigt und Nachhaltigkeitserwartungen wachsen – beides erfordert effiziente und verantwortungsvolle Produktionssysteme. Obwohl es noch keine globale Strategie zur Bekämpfung der Aviären Influenza gibt, gehen einige Länder in Europa mit gutem Beispiel voran und zeigen, dass HPAI eingedämmt werden kann, ohne die kommerzielle Produktion zu beeinträchtigen.
Tiergesundheit ist eine strategische Priorität an der Schnittstelle von Ernährung, Handel, Gesundheit und Sicherheit
Während der 93. Generalversammlung des Internationalen WOAH-Komitees, die vom 18. bis 22. Mai 2026 in Paris stattfand, betonte die Weltorganisation für Tiergesundheit, dass Ausbrüche von Tierkrankheiten immer häufiger, komplexer und schwerer einzudämmen sind: Grenzüberschreitende Krankheiten treten erneut auf, und Zoonosen, darunter die hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI), breiten sich bedrohlich über Arten und Regionen hinweg aus. Die aktuelle globale Lage hinsichtlich der Vogelgrippe wurde bewertet, da die Infektion nach wie vor ein grosses globales Problem für die öffentliche Gesundheit darstellt. In ihrer Eröffnungsrede hob Dr. Emmanuelle Soubeyran, Generaldirektorin der WOAH, die Bedeutsamkeit des gegenwärtigen Augenblicks hervor. Tatsächlich steht die Welt nach Jahren des Zögerns nun an einem Scheideweg.
Biologische Bedrohungen bestehen weiterhin, weshalb Prävention wichtiger ist denn je: In diese zu investieren bedeutet, künftige Pandemien zu vermeiden. Dennoch reichen die Investitionen nach wie vor bei weitem nicht aus, um den Bedarf an wirksamer Prävention zu decken – auf die Tiergesundheit entfallen lediglich 0.6% der weltweiten Gesundheitsausgaben. Aus diesem Grund unternimmt die WOAH grosse Anstrengungen, um ihre Mitglieder daran zu erinnern, dass Tiergesundheit in der fragilen Welt, in der wir leben, nicht länger als technisches Nischenthema betrachtet werden kann, da die Auswirkungen von Tierkrankheiten weitreichende Folgen haben.
Grösserer Präventionsbedarf vs. gefährlich geringe Investitionen: Sind wir bereit, diesen Konflikt nicht länger zu ignorieren?
Während Investitionen im Vergleich zum Bedarf derzeit gefährlich gering sind, würden angemessene Ausgaben im Vergleich zu den Kosten einer Pandemie, die durch fehlende Investitionen in die Prävention entstehen, erhebliche Einsparungen bringen. Dennoch kann kein Akteur dies allein bewältigen. Der WOAH ist diese Tatsache wohlbekannt: Die Erfolgsgeschichten, die während der letzten Generalversammlung vorgestellt wurden, sind Beispiele dafür, was nachhaltige, gut konzipierte Investitionen in Tiergesundheitssysteme bewirken, und bestätigen nicht nur, dass sich die Situation ändern muss und kann, sondern auch, dass Investitionen in die Prävention kosteneffizienter sind als die Bewältigung von Pandemien. Ein Beispiel hierfür war die landesweite obligatorische Impfkampagne gegen die Vogelgrippe bei Enten in Frankreich im Oktober 2023, welche die Infektionskette wirksam unterbrach, sodass das Land statt der geschätzten 500 Ausbrüche zwischen Oktober 2023 und März 2024 nur 10 verzeichnete.
Die WOAH hat ihre Standards für den Handel aktualisiert und ein völlig neues Kapitel zur Biosicherheit geschaffen, um die Aviäre Influenza besser unter Kontrolle zu bringen. Die Organisation betont, dass wirksame Prävention bereits beginnen muss, bevor Vögel auf Märkte für lebendes Geflügel gelangen, und fordert gezielte, wissenschaftlich fundierte «One-Health»-Massnahmen, um Krankheitsrisiken zu verringern und gleichzeitig die lokale Wirtschaft zu schützen – was auch bedeutet, das Stigma zu beseitigen, das mit «Wet Markets» verbunden ist.
Fallstudien: Pilotprojekte zur Impfung in Italien und den Niederlanden
Die erfolgreiche französische Initiative hat andere Länder inspiriert, darunter Italien und die Niederlande, die nun Pilotprojekte zur Impfung durchführen.
In Italien, wo ein HPAI-Ausbruch im Jahr 2021/22 die gesamte Geflügelindustrie lahmlegte, nehmen drei Puten-Mastbetriebe (Provinz Verona), sowie zwei Legehennen-Betriebe (Provinz Mantua) an dem Pilotprojet teil. Ziel ist es nicht zu testen, ob Impfstoffe gegen die Aviäre Influenza wirken (diese sind auf europäischer Ebene bereits zugelassen), sondern die logistische Bereitschaft zur Durchführung einer Impfkampagne zu prüfen: wie Betriebe Impfungen dokumentieren, wie geimpfte Tiere und Produkte zurückverfolgt werden und wie Überwachungssysteme mögliche Infektionen erkennen.
Dank der Eigenschaften der im Projekt verwendeten Impfstoffe können diagnostische Tests dabei helfen, ein geimpftes Tier von einem infizierten zu unterscheiden. Durch die Suchen nach Virusbestandteilen, die im Impfstoff nicht enthalten sind, lässt sich eine tatsächliche Infektion identifizieren und von der durch die Impfung induzierten Immunität unterscheiden.
Eine verstärkte Prävention bedeutet nicht nur Impfung. Auch wenn diese das wichtigste Mittel zur Krankheitsprävention darstellt, ist der Einsatz weiterer Massnahmen dennoch erforderlich. In Italien, wo sich die meisten Geflügelbetriebe direkt an den Hauptzugwegen der Wildvögel befinden (Venetien und Lombardei), erfordert der Aufbau widerstandsfähiger Tiergesundheitssysteme eine angemessene Planung der Geflügel-Einstallung, um die Exposition gegenüber Viren zu begrenzen. Mit einem Produktionszyklus von 150 Tagen lassen sich Puten effizient bewirtschaften, da die Schar geschlachtet wird, bevor sich HPAI typischerweise auszubreiten beginnt (5 Monate Produktion, gefolgt von 1 Monat Pause, zweimal pro Jahr). Legehennen hingegen haben eine längere praktische Lebensdauer (etwa 500-520 Tage) ohne Unterbrechungen und erfordern umfassendere tierärztliche Dienste, Früherkennung und schnelle Reaktionen auf Krankheiten.
In den Niederlanden haben Wageningen University & Research, Royal GD, Wageningen Bioveterinary Research und die Universität Utrecht kürzlich die Ergebnisse eines Feldversuchs an zwei kommerziellen Legehennen-Betrieben veröffentlicht, dessen Ziel es war, den Schutz über den gesamten Produktionszyklus hinweg zu bewerten – was bisher noch keine Studie getan hatte.
Küken erhielten am Tag 0 nach dem Schlüpfen eine Impfung gegen die Aviäre Influenza (AI), sowie alle in den Niederlanden üblichen Impfungen in Brütereien; einer Testgruppe wurde im Alter von 12 Wochen zusätzlich eine Auffrischungsimpfung verabreicht. Die Kontrollgruppe blieb ungeimpft. Die Vögel wurden unter Feldbedingungen durchgehend überwacht, vom Schlüpfen bis zum Ende der Legephase. Vier kontrollierte Infektionsexperimente (HPAI H5N1, Klade 2.3.4.4b) wurden im Alter von 8, 24, 54 und 84 Wochen durchgeführt.
In allen vier Altersstufen der Infektionsexperimente wiesen die AI-geimpften Gruppen eine Sterblichkeitsrate von 0% auf, auch im Alter von 84 Wochen, wenn die Anfälligkeit sehr hoch ist. Die Auffrischungsimpfgruppe zeigte konsistent geringere klinische Symptome und eine reduzierte Virusausscheidung. Darüber hinaus verringerte die Impfung die Übertragung innerhalb der Herde signifikant, obwohl ein theoretisches Übertragungsrisiko weiterhin bestand. Im Gegensatz dazu zeigte die nicht geimpfte Kontrollgruppe mit zunehmendem Alter eine steigende Morbidität, mit einem Anteil von >90% klinisch erkrankter Vögel in der 84. Woche, einem Anstieg der Sterblichkeit auf 12.4% und einem R-Wert von >6 bei erwachsenen Hennen.
Dieser Feldversuch zeigt letztendlich, dass die Impfung gegen die Aviäre Influenza sicher ist, sich mit den Impfplänen der kommerziellen Produktion vereinbaren lässt und die Ausbreitung der Krankheit eindämmt. Allerdings kann sie die Übertragung innerhalb eines Bestands möglicherweise nicht vollständig unterbinden. Daher ist eine kombinierte Strategie aus Auffrischungsimpfungen und aktiver Überwachung einschliesslich Tests – zusätzlich zu den bestehenden Biosicherheitsmassnahmen – eine robuste, evidenzbasierte Strategie zur wirksamen langfristigen Bekämpfung der Aviären Influenza, die die weitere Übertragung innerhalb des Bestands, zwischen Geflügelbeständen und auf den Menschen stoppen kann.
Abschliessende Überlegungen
Die meisten Länder prüfen die jüngsten Studien sorgfältig. Obwohl die Entscheidung über den Einsatz von Impfungen gegen die Vogelgrippe bei Geflügel nach wie vor im Ermessen jedes einzelnen Landes liegt, kann niemand leugnen, dass Impfstoffe HPAI von einem katastrophalen Ereignis in eine beherrschbare, nicht tödliche Infektion verwandeln.
Von Giulia Faè
Area Manager (Italy)
and technical writer at Socorex
Hauptquellen
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Gespräche bei der Vogelgrippe-Konferenz in Rimini (Italien) im April 2026
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Ministero della Salute - Influenza aviaria - Piano pilota di vaccinazione negli allevamenti avicoli
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Dispositivo_con_progetto_pilota_vaccinazione_hpai_definitivo_05052026.pdf